Die Ängste abbauen: Behinderte helfen Nichtbehinderten
Besuche des Rollstuhlfahrers Oliver Bedow machen den Schülern nicht nur eine Menge Spaß - Vor allem sind sie "eine tolle Erfahrung"

Weissach im Tal/Winnenden - "Bist Du wirklich so gut drauf?" wird Oliver Bedow bei seinen Schulbesuchen immer wieder gefragt. Seit einem Unfall vor fast zehn Jahren ist der 35jährige querschnittgelähmt und an seinen "Rolli" gebunden. Daß er dabei seine Lebensfreude nicht verloren hat, sondern seine Behinderung "total locker nimmt", sorgt bei den Schülern meist für riesiges Erstaunen. 


Von unserer Mitarbeiterin
VERA STREIBEL 

Oliver Bedow auf Rennrolli 
Regelmäßig besucht der Winnender Schulklassen, um mit Kindern und Jugendlichen über Behinderungen aller Art zu sprechen. So will er ihnen den Umgang mit Menschen näher- bringen, die anders sind als sie selbst - egal, weshalb. Kürzlich war er in der Klasse 11 b des Bildungszentrums "Bize" im Weissacher Tal. Nach dem ersten Unterrichtsbesuch des gutgelaunten Rollstuhlfahrers vor etwa einem Jahr waren die Gymnasiasten so beeindruckt, daß sie Oliver Bedow gleich ein zweites Mal einluden diesmal zu einem ganzen Projekttag rund um das Thema Mobilität. 
  Dabei konnten die Jugendlichen selbst Erfahrungen im Rollstuhl sammeln. Beim Benutzen öffentlicher Verkehrsmittel, öffentlicher Toiletten und im Umgang mit den Mitmenschen. Wobei sie mit dem Bize und Backnanger Bahnhof Plätze kennenlernten, die laut Bedow vorbildlich für Behinderte geeignet sind. Doch selbst dort fanden sie noch Stolpersteine, die sie furchtbar aufbrachten. "Das war eine tolle Erfahrung für die Jugendlichen", glaubt Lehrerin Edith Haefner, die Oliver Bedow bereits während dessen Schulzeit unterrichtet hat.

Großer Bedarf: "Könnte jeden Tag irgendwo hin- gehen" 

Schon etwa 20 Schulklassen im Großraum Stuttgart hat Oliver Bedow in den vergangenen zwei Jahren besucht, darunter einige im Rems- Murr-Kreis. "Ich könnte jeden Tag irgendwo hingehen, so groß ist die 

Nachfrage", berichtet er. Zwar sei es "schon immer mein Traum" gewesen, Integrationsarbeit zu leisten, oft fehle ihm dazu aber einfach die Zeit. Seine Schulbesuche gehören zu einem Projekt des Ministeriums für Jugend, Kultus und Sport des Landes Baden- Württemberg, mit dessen Unter- stützung der Verein "Behinderte helfen Nichtbehinderten" ins Leben gerufen wurde. Er soll das "behinderte Verhältnis" Nichtbehinderter zu Behinderten verbessern und Berüh- rungsängste abbauen. Zwar habe sich in den vergangenen 20 Jahren schon eine Menge getan, meint Bedow - sowohl in der Architektur als auch im Bewußtsein der Menschen. Man müsse aber immer noch aktiv dafür sorgen, daß diese Entwicklung weitergetrieben wird. Begleitet wird das Projekt von der Universität Freiburg. Dort werden die Erfah- rungen, die die 25 Referenten bei ihren Aktionen mit verschiedenen Fragen und Unterrichtsformen sammeln, ausgewertet. "Unser großes Ziel ist, solche Begegnungen einmal wie die Verkehrserziehung als Regelunterricht einzuführen", erklärt Bedow. Es solle normal werden, daß Kinder während ihrer Grundschulzeit Kontakt zu Behinderten haben, wenigstens ein einziges Mal. Die jüngeren Kinder seien unheimlich wißbegierig, erzählt Bedow: Wie er denn Auto oder Fahrrad fahre, wollen sie wissen, oder wie er Treppen steige. Begeistert probieren sie, sich mit einem Kinderrolli fortzubewegen - obwohl sie dabei meist umfallen. Und ganz nebenbei lernen sie, daß eigentlich niemand so ganz normal ist - sei er zu dick, zu dünn, zu klein  oder zu vorlaut. "Bei den älteren gehen die Fragen eher in den ethischen Bereich", erläutert der 35jährige. Wie das mit den Ver- sicherungen sei, wie er seinen Haushalt führe, arbeite und Sport treibe. Sport ist das größte Hobby des Winnenders. Darunter habe die Integrationsarbeit in diesem Jahr etwas leiden müssen, bedauert er - für ihn müsse der Tag eigentlich 40 Stunden haben. Zehn für den Job bei Daimler Benz in Stuttgart, zehn für die Integrationsarbeit, zehn für ihn selbst und zehn für den Sport. 300 Kilometer fährt Bedow pro Woche mit seinem Spezialfahrrad, um sich auf die Wettkämpfe vorzubereiten. 

Wer will, der kann auch als "Rollifahrer" viel erreichen

Zu den zahlreichen Pokalen, die seine Wohnung bereits zieren, kam vor knapp zwei Wochen ein Erfolg, auf den der Nationalmannschaftsfahrer ganz besonders stolz ist: Platz fünf bei den Radweltmeisterschaften der Behinderten im amerikanischen Colorado Springs. 800 sogenannte Handcycler waren dort angetreten, Radler, die ihre zwei Räder mit den Händen statt mit den Füßen vorwärts- bewegen. Der Sport macht Oliver Bedow nicht nur "riesigen Spaß", er bestätigt ihm auch eines immer wieder: Manches dauert im Rollstuhl zwar ein bißchen länger. Wenn man nur will, kann man mit diesem "Hilfsmittel" aber eine ganze Menge machen und viel erreichen.




Jutta Nebauer arbeitet für die Initiative "Behinderte helfen Nichtbehinderten"
Eine ganz unkomplizierte Begegnung
Schülerinnen und Schüler im Gespräch mit einer Rollstuhlfahrerin
Vielen Menschen fällt es schwer, ungezwungen mit Behinderten umzugehen. Oft ist der Nichtbe- hinderte im Umgang mit Behin- derten der "Behinderte". Daß eine Begegnung auch ganz unkompli- ziert sein kann, erlebten Schüler- innen und Schüler in Gerhausen. 


MARGOT AUTENRIETH-
KRONENTHALER

GERHAUSEN • Jutta Nebauer war bei Zehntklässlern der Karl-Spohn- Realschule zu Gast. Sie ist Referen- tin der Initiative "Behinderte helfen Nichtbehinderten" (BhN) die sich zum Ziel gesetzt, den Umgang miteinander zu normalisieren. Die gebürtige Gerhauserin, die als Verwaltungs- angestellte in Blaustein arbeitet, ist seit sechs Jahren Rollstuhlfahrerin und Leistungssportlerin im Bereich Ski-Alpin. Sie ist Mitglied der Deutschen Nationalmannschaft. Durch den Sport lernte Jutta Nebauer das Projekt BhN kennen.

Zielsetzungen des Projekts sind der Abbau von Berührungsängsten, die positive Veränderung des Bewußt- seins gegenüber Behinderten, die Entwicklung des sozialen Verhaltens und der Verständnisbereitschaft gegenüber Menschen in anderen Lebensverhältnissen sowie die Relativierung des Leistungsbegriffes. Das Projekt ist dem Kultusminister- ium des Landes Baden-Württemberg unterstellt und wird durch die Sparkassen gefördert.
Das Gespräch innerhalb des Re- ligionsunterrichtes gestaltet sich sehr offen. Jutta Nebauer ermuntert die Schüler, alles zu fragen, was sie interessiert. Und das tun sie auch. Über "Gott und die Welt" wird im wahrsten Sinne des Wortes geredet. Die Schüler erleben eine fröhliche, junge Frau und emanzipierte Per- sönlichkeit. Die 31jährige wirkt weder verbittert noch selbstmitleidig, im Gegenteil, sie strahlt Lebensfreude aus, die so manchem Nichtbe- hinderten fehlt. Sie wirkt glaubwürdig, wenn sie sagt, das Leben sei immer lebenswert gewesen, trotz ihrer fortschreitenden Erkrankung. 
Sie habe auch gelernt, bewußt zu leben und die Zeiten, in denen es ihr gut gehe, zu nutzen und zu genießen.
Von Behinderten können Nichtbe- hinderte etliches lernen, beispiels- weise Zielstrebigkeit oder Selbst- disziplin, meint die Sportlerin. Und dafür ist sie wohl selbst das beste Vorbild.
Die Schülerinnen und Schüler sind nicht nur von ihrer Persönlichkeit, sondern auch von ihren sportlichen Leistungen sehr beeindruckt. Sie erfragen ihre Plazierung im Ski- weltcup und staunen, wenn sie davon berichtet, daß sie mit ihrem Mono- skigerät bei der Abfahrt 100 Stunden- kilometer erreicht. Und daß Be- hinderte nicht arm, hilflos oder untätig sind, zeigt Jutta Nebauer gleich vor Ort, als sie die Treppe rückwärts im Rollstuhl hinunterfährt und danach das Ein- und Aussteigen ins Auto demonstriert.
Die Schüler staunen. Pfarrer Roland Albeck, der Religionslehrer der Klasse staunt ebenfalls - so interessiert und aufmerksam hat er seine Klasse nämlich noch selten erlebt. 

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